Nachtrag vom Februar 2010, als ich Cameroon von Norden nach Süden durchquerte. Damals war ich leider nur 4 Wochen in Afrika unterwegs und unter gewissem Zeitdruck. Gestartet bin ich Anfang Februar in Togo und Anfang März bin ich in Yaoundé/Cameroon angekommen. Von hier will ich nun weiter in Richtung Süden.
Gibt es sowohl im Norden, als auch im Süden Cameroons gute Straßen, werden diese beiden Teile nur durch eine Piste verbunden. Eine Gebirgszug trennt die beiden Regionen von einander und die beste Verbindung ist mit dem Zug. Wenn der mal nicht gerade liegen bleibt, kann man die 700km lange Strecke immerhin in 10 Stunden zurücklegen. Wer aber auf sein Fahrzeug angewiesen ist, der muss in der Mitte durch und dass ist leider nicht in 10 Stunden möglich. Zu schlecht ist die Trasse die durch den Urwald führt.
Die Piste durch das Nichts.
Ich bin in Ngaoundéré, der letzten großen Stadt vor dem bewaldeten Nichts. Es regnet. Nicht lange, dafür heftig. Die Piste wird oft gesperrt wenn es zuviel regnet. Ich warte also noch einen Tag bevor ich mich der letzten großen Hürde Richtung Yaoundé stelle. Ich tanke nochmal Kraft, mein Körper wurde in den letzten Tagen genug Anstrengungen ausgesetzt. Früh morgens geht es dann los. Erstmal 250 km bis nach Tibatie. Der Regen hat zum Glück keine starken Spuren in der Fahrbahn hinterlassen und ich erreiche es schon am Nachmittag. Trotzdem bleibe ich in dem kleinen verschlafenen Dorf eine Nacht. Ich verbringe den Abend mit dem Bürgermeister, welcher mich auf ein Bier eingeladen hat. Er spricht perfekt Deutsch, lebte 12 Jahre in Aachen und hat sogar eine Tochter in Deutschland. Jetzt lebt er mit seiner zweiten Familie wieder in Cameroon und ist stolzer Besitzer einer BMW R 100. Ein schönes Motorrad. Ich verspreche ihm einige Ersatzteile in Deutschland zu suchen. Seine Tochter wird sie dann demnächst mitbringen. Wie die Straße weiter verläuft, frage ich. „Wenn du gut bist, kannst du es in einem Tag schaffen.“ Das hört sich doch ganz passabel an. Er weiß schließlich wovon er spricht. Er fährt die Strecke auch alle paar Monate mit seinem Bike.
Also stehe ich wieder im Morgengrauen auf, frühstücke zur Abwechslung ein Omelett und fahre los. Ich bin zügig am Weg und habe Spaß am fahren. In kleinen Dörfern mache ich kurze Pausen, informiere mich über die nächsten Kilometer und fülle meine Wasservorräte auf. Trinken ist hier in dieser Hitze sehr wichtig und wenn man denn ganzen Tag Offroad fährt, gehen locker fünf Liter Wasser rein. Es hat um die 40 Grad.
Mitten im Urwald
Die Menschen die hier leben, ernähren sich hauptsächlich aus dem Wald. Es sind Pygmäen. Doch nicht alle sind wie erwartet klein. Über die Jahre haben sich die Völker hier vermischt und so kann man nicht mehr eindeutig vom Volk der Pygmäen reden. Es sind freundliche Leute, ein bisschen scheu und wenn man erzählt was man hier gerade macht, taucht Unverständnis in ihren Gesichtern auf. Das ist nicht neu. Keiner kann verstehen wie man so lange reisen kann, ohne zu arbeiten. Wo man dann wohnt, was man isst? „Ich esse das gleiche wie ihr, Maniok, Fufu, Fisch und trinke eure milchig, säuerliches Getränk.“ (Ich hab immer noch nicht herausgefunden, was es ist oder wie es heißt.) Dann müssen alle lachen. Ob es mir denn schmeckt? „Es schmeckt gut“, gebe ich als Antwort und füge in Gedanken hinzu: „Man kann davon überleben.“
Weiter folge ich dem Feldweg in Richtung Süden. 450 km will ich an einem Tag schaffen, denn ich habe nicht mehr viel Zeit. Mein Rückflug kommt immer näher. Ich habe mittlerweile genug Offroad Erfahrung gesammelt und kann ziemlich zügig unterwegs sein, wenn es denn sein muss. Meistens im Stehen fahrend, schaffe ich an diesem Tag einen Schnitt von ca. 40 km/h. Trotzdem muss ich vor Kurven vorsichtig sein. Denn ich bin nicht der einzige auf dieser Piste. Große Tanklastzüge kriechen ebenfalls durch das Nichts und brauchen die gesamte Breite der Straße. Trifft man auf solche muss man mit dem Bike ins Gebüsch. Ist man hinter so einem, drückt man solange die Hupe, bis man bemerkt wird und irgendwie kommt man dann vorbei. Wird man erst spät bemerkt, frisst man Sand. Roten Sand.
Hinter Lastwagen frisst man roten Sand.
Langsam wird es dunkel und laut Kilometerzähler sind es noch 50 km bis zum nächsten Dorf. Nicht nur meine Kräfte, sonder auch der Sprit neigen sich dem Ende zu. Um mich herum nichts als Urwald. Die Zeit drängt. Ich will nicht im Dunkeln fahren und so versuche ich alles auf Soemek herauszuhohlen. Doch es reicht nicht. Die letzten 30 km muss ich in völliger Dunkelheit zurücklegen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit und über 20 km/h komme ich nicht mehr hinaus. Im Scheinwerferlicht tauchen Flughunde so groß wie Möwen auf, die in einem schnell Haken gerade noch ausweichen können. Ich will noch einmal halten, einen Schluck trinken, eine Zigarette rauchen. Als ich den Motor ausstelle und den Helm abnehme wird mir ganz anders. Um mich herum ist eine unvorstellbare Geräuschkulisse. Es dringen wilde Klänge aus dem Wald an mein Ohr und eine Scharr Mücken macht sich sofort über mich her. Sofort schmeiß ich den Motor wieder an und fahre weiter. Mitten im Urwald, mitten in der Dunkelheit, mitten im Nichts. Endlich tauchen erste Hütten am Wegrand auf. Ich halte an einem Lagerfeuer und erfahre, dass ich es bald geschafft habe. Dann eine Straßenlampe, Häuser und zu meiner große Freude eine Tankstelle. Mit dem letzten Tropfen im Tank fahre ich an die Zapfsäule. 17 Liter fülle ich auf. 17 Liter Tankvolumen habe ich. Dann finde ich eine einfache Unterkunft und stopfe mich mit gegrilltem Fisch voll. Ich habe es geschafft. Trinke noch mit ein paar Leuten ein kühles Bier und erzähle ihnen von meinem heutige Tag. Wie ich vom Urwald verschluckt und wieder ausgespuckt wurde. Sie grinsen nur und finden das natürlich ganz normal.