„Only the living celebrate“ steht am Ortseingang von Jos, eine Stadt im Plateau State, Nigeria. Wer die Internationalen Nachrichten verfolgt, weiß schnell was damit gemeint ist. Wiederholte Male hat es hier Ausschreitungen zwischen Moslems und Christen gegeben. Von regelrechten Massaker mit mehreren hundert Toten wurde in der Presse berichtet. Jos liegt genau auf der Grenze zwischen den Muslimen im armen Norden des Landes und Christen im reichen Süden. Doch ist hier wirklich die Religion Auslöser der Konflikte?
Sicherlich sind religiöse Cleavages (Konfliktlinien) oftmals ein Grund für Spannung und so auch in Nigeria. Es wird viel über die andere Religion geschimpft. Es wird wild diskutiert wer denn nun Schuld trägt an den Auseinandersetzungen. Meistens sitzt man dabei in einer geselligen Runde beisammen und trinkt Bier. Muslime und Christen wohlgemerkt. Alah aus Lagos meint: „Diese Christen sind zu arrogant und nehmen sich einfach was sie wollen.“ „Ach komm,“ erwidert Paul aus Abuja. „Dafür schlagen die Muslime immer gleich zu, anstatt zu reden.“ Einig sind sich beide, dass Besitz und Wohlstand Grundlage für den Konflikt bilden. Und tatsächlich betreffen die Übergriffe nur die untere Schicht. Weiße und Wohlhabende sind davon überhaupt nicht betroffen. Geht es also um Geld und Besitztümer?
„419“ ist die Straftatbezeichnung für Grundstücksbetrug. Ein jeder kennt diese Zahl. Es ist hier weit verbreitet. Wenn jemand verreißt, kommt rigendwer und verkauft das Haus. Der neue Bewohner glaubt rechtsmäßig ein Grundstück mit Gebäude erworben zu haben. Nun kommt der Verreiste zurück und stellt fest, dass jemand anderer in seinem Haus wohnt. Da auf den Rechtsstaat kein Verlass ist, muss das Problem anderweitig behoben werden. Diese Straftat ist hier in Nigeria so häufig wie bei uns Falschparken. So war es wohl auch in Jos. Ein Moslem ist verreist und ein Christ hat das Haus gekauft. Sagt man. Gelöst wurde das Problem mit Waffen. Und natürlich wurde die Religion dem übergestülpt, doch der Grund und Auslöser ist der nicht existierende Rechtsstaat. Sagt man.
Seit dem letzten Massaker herrscht Ausgangssperre in Jos. Von 6 Uhr abends bis 6 Uhr am Morgen. Ich erreiche eine Unterkunft um viertel vor sechs, laufe noch schnell raus um Zigaretten und Wasser zu besorgen. Die Straßen sind absolut leer. Es wirkt gespenstisch. An einer kleinen Boutique sitzt ein Soldat. Er grinst mich an: „Hurry up my friend. It`s close to Coffee Time.“