Justinos Familie lebt auf einer Insel. Er selbst in der Hauptstadt Bissau. Seit sieben Jahren konnte er seine Angehörigen nicht mehr besuchen, da er sich die umgerechnet 11 € für die Überfahrt nicht leisten kann.
Justino ist in dem kleinen Land Guinea Bissau aufgewachsen. Guineas gibt es viele. Vier um genau zu sein. Eines davon liegt zwischen der Republik Guinea und dem Senegal. Es ist eines der fünf ärmsten Länder der Welt, das in der Vergangenheit immer wieder von schrecklichen Kriegen zerrüttelt wurde. Von 1959 bis 1973 tobte dort ein Unabhängigkeits- bzw. Stellvertreterkrieg. Gab es auch in anderen Staaten Kriege zum Erlangen der Unabhängigkeit, dauerte dieser besonders lange an und galt als besonders blutig. Nato-Unterstützung auf Seiten der Portugiesen, Sowjet- Unterstützung auf Seiten der Rebellen gelten als Hauptursache der Langwierigkeit des Konflikts. 1998 kam es zu einem Bürgerkrieg der ganze 3 Jahre andauerte und erneut unzählige Opfer forderte. 2002 entfachten um die Hauptstadt Bissau erneut Kämpfe. Seit dem herrscht Frieden. Hilfsorganisationen haben das Land erobert, sogenannte NGOs wie auch staatliche Projekte. Elektrizität gibt es trotz alledem noch nicht, in einem Land, dessen Wirtschaft zu 85% aus Cashewnussanbau besteht und dessen Machthaber dem Begriff Korruption eine neue Dimension verliehen haben.
Potential und Energien, dieses Land in eine bessere Zukunft zu führen, wären aber durchaus vorhanden. Justino zum Beispiel. Er ist 25 Jahre, kommt von einer der abgelegenen Inseln namens Uno. Seine Mutter war noch zu jung um ihn großzuziehen, also wuchs er bei seiner Großmutter auf. Schon sehr früh musste er für sich selbst sorgen und so verdiente er als Palmenkletterer seinen Lebensunterhalt. Durch seine flinken Kletterkünste gelang es ihm, einen Teil des mit dem Verkauf der Früchte (welche dann zu Palmöl weiterverarbeitet werden) verdienten Geld auf die Seite zu legen. Mit 17 konnte er sich dann die Überfahrt zum Festland leisten, ergatterte dort einen Platz in einer amerikanisch geführten Englischschule, spricht nun fließend diese Sprache und kann sogar mit Computern umgehen. Sein großer Traum ist es, Medizin zu studieren. 15 000 CFA (ca. 23 €) kostet die Uni und dieses Geld verdient er sich jetzt mit täglichen Hausmeisterarbeiten an der Schule, die ihn unterrichtet hat. Warum treffe ich ihn dann am Vormittag an der Schule und nicht an der Universität? „Eigentlich hätte die Uni im Oktober anfangen sollen. Gezahlt habe ich auch schon dafür und jedes Mal wenn ich nachfrage, wann der Unterricht beginnt, heißt es, ich solle morgen wieder kommen.“ Es ist eine staatliche Universität. Eine Universität eines wie gesagt äußerst korrupten Staates.
Immer wieder trifft man junge Menschen in Guinea Bissau, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Sie würden alles dafür geben, an mehr Bildung zu gelangen und hätten sich auch schon mühsam die finanziellen Mittel vom Munde abgespart, doch entweder gibt es erst gar keinen Unterricht an der Uni oder nach abgeschlossenem Studium fehlen denjenigen die Verbindungen zur Regierung, um einen Arbeitsplatz zu bekommen. Und diese Verbindungen braucht man.
Eigenständige Querdenker sind in Bissau nicht erwünscht. Denn es gibt noch einen weiteren großen Wirtschaftszweig in einem Land, in dem die Cholera wütet und jeder zweite an Malaria leidet. Jüngst tauchte der Hafen der Hauptstadt in europäischen Medien auf. Leider nicht aufgrund dessen Schönheit, sondern aufgrund einer Lieferung aus Kolumbien, die dort von der Polizei beschlagnahmt worden war. Mehrere Tonnen Kokain. Die Kolumbianer wurden vor laufenden Fernsehkameras in die Zellen gesteckt und die Funde stolz präsentiert. Das Medieninteresse flaute ab, die Kolumbianer waren nach wenigen Wochen wieder frei und die Drogen verschwanden auf unerklärliche Weise. Da wundert einen nicht, dass seitdem zwei große amerikanische Geländewagen der Marke Hummer durch die Straßen des teilweise noch zerstörten Bissaus rollen. Jetzt ist es also bekannt, dass der Hafen für Lieferungen aus Südamerika genutzt wird. Na und? Es gibt ja noch ein kleines Rollfeld auf einer der Inseln. Ein Rollfeld ohne jegliche behördliche Kontrolle auf dem nun täglich eine kleine, schneeweiße Maschine landet.
Der Präsident hat gerade das Parlament entlassen und Neuwahlen stehen an. Die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen glauben nicht an erneute Ausseinandersetzungen. Aber wenn doch, gibt es ja die UN, die einen rausholt. Die UN, die weiße, reiche Ausländer aus einem Krisengebiet retten kann, mehr aber nicht. Ich verlasse das Land bevor die Wahlen stattfinden.